Augen auf für die Grautöne
Ambigui-was? Ambiguität. Oder eher Ambiguitätstoleranz.
Ich kam auf den Begriff durch eine meiner wertvollen KI-Therapiesitzungen. Hand hoch, wenn du auch zu denjenigen gehörst, die schon einmal die künstliche Intelligenz der menschlichen vorgezogen haben und deine Sorgen einem… ja, einem Algorithmus erzählt hast und dabei doch tatsächlich interessante Informationen über dich und deine Muster herausgefunden hast.
Mir wurde in letzter Zeit wieder sehr bewusst, wie viele Widersprüche in meinem Umfeld und ja, irgendwie auch in meinem Leben existieren. Fangen wir mit meinem äußeren Umfeld an. Da gibt es Menschen, die in meinem Alter Häuser bauen, über Kinderkriegen reden und heiraten; dann wiederum welche, die gerade im zweiten Semester den dritten Studiengang studieren; die, die ein Start-up gegründet haben, und die, die noch bei ihren Eltern zu Hause wohnen. Dazu brauche ich nicht einmal Instagram, das ist die pure Realität. Und ich könnte mich mit keinem dieser Wege identifizieren und frage mich manchmal ehrlich, warum der eine oder die andere das so macht.
Das sind die harmlosen Widersprüche, die mich nachdenklich machen, mich aber nicht so aus der Bahn werfen. Allerdings gibt es auch vieles, was mich persönlich betrifft. Wieso sagt ein Mensch das eine, macht aber das andere und bringt mich damit zur Verzweiflung? Wieso entscheidet sich jemand, mein Leben zu verlassen, obwohl wir einst eine schöne Zeit hatten, und lässt mich damit eben diese schöne Zeit hinterfragen?
Es gibt noch mehr Beispiele aus meinem Leben. Auf der einen Seite würde ich gerne aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol mehr trinken, erwische mich aber regelmäßig beim nächsten After-Work-Markt, im Biergarten oder beim Abendessen mit den Kollegen bei einem alkoholischen Getränk. Ich jette wegen der Arbeit um die Welt, mache alleine Urlaub und bin seit Jahren ausgezogen. Nichtsdestotrotz muss ich manchmal einfach nach Hause zu meinen Eltern, um aufzuladen, Kind zu sein und bedingungslose Liebe zu erfahren. Ich bin laut, High-Performerin und bringe gerne alle zum Lachen und dann… dann sitze ich melancholisch auf dem Balkon, habe dieses eine Wochenende mal gar nichts vor und niemand hat Zeit für mich. Und manchmal liege ich da und frage mich, warum ich früher in einer Situation so anders gehandelt habe, als ich es heute tun würde, und verurteile mich in irgendeiner Weise dafür.
Was passiert mit all diesen Dingen, die sich zu widersprechen scheinen? Kann ich damit einfach so easy weiterleben, obwohl das Leben und ich mir selbst ständig offensichtlich widersprechen? Ich habe weiter geforscht und eine interessante Antwort darauf bekommen.
Ja.
Mit einer ausgeprägten Ambiguitätstoleranz.
Das Leben ist nicht nur das eine oder das andere. Das Leben ist viel. Das Leben ist vielseitig, es ist für jeden anders. Es ist für mich immer wieder anders! In verschiedenen Zeiten, Räumen und Situationen. Es ist nicht Oder, es ist Und! Ich kann meine Gesundheit wertschätzen und hochpriorisieren UND ab und zu Alkohol trinken, ohne dass ich meine Werte über Bord werfe. Ich kann eine wunderbare Zeit mit einem Menschen gehabt haben und über Jahre hinweg tolle Momente gesammelt haben UND trotzdem passen wir nicht mehr zusammen und werfen uns nur noch ein „Hi“ im Vorbeigehen zu. Ich kann meinen eigenen Weg gehen UND ich kann auch den Weg jedes anderen Menschen um mich herum akzeptieren.
Wie du heraushörst, ist die „Und“- bzw. die „Sowohl als auch“-Technik der erste Weg, um das Paradox abzuschwächen und aushaltbar zu machen. Beides darf existieren. Meistens existiert es nur nicht in der gleichen Zeit, der gleichen Situation und unter den gleichen räumlichen Bedingungen. Etwas war früher und ist heute nicht mehr so. Etwas ist in diesem Kontext so und in dem anderen so.
Probiere das mal aus, wenn du einen Widerspruch in dir spürst. So stärkst du deine Ambiguitätstoleranz. Du akzeptierst also, dass es verschiedene Perspektiven aufs Leben gibt. Man könnte es auch so bezeichnen, dass du deine Fähigkeit, verschiedene Grautöne zu akzeptieren, trainierst. In meiner Welt ist oft alles schwarz oder weiß. Ich denke Situationen und Verhaltensweisen so lange durch, bis ich das Ergebnis habe, dass es gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Mit dem Ergebnis fühle ich mich aber oft nicht wohl, da es so absolut ist und der Realität nicht gerecht wird. Nach einer Trennung sucht mein Gehirn krampfhaft nach der einen Wahrheit. War die Person die Version, die ich geliebt habe, oder die, in die ich mich niemals verlieben könnte? Vielleicht liegt die Antwort irgendwo dazwischen. Sie ist beides. Du musst den Widerspruch nicht lösen.
Ich will nicht behaupten, ich hätte bereits eine ausgeprägte Ambiguitätstoleranz, aber ich halte meine Augen offen. Für die wunderschönen bunten Farben und alle Grautöne dazwischen.


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