Vom Druck, etwas zu erleben.
Ein Wochenende, das ich nicht mit tausend Aktivitäten zugeballert habe: ein Albtraum. Es ist definitiv ein Luxusproblem und ich ärgere mich sehr, dass ich das überhaupt zu einem Problem werden lasse.
Ein Wochenende mit mir, die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, tausend Möglichkeiten, die mir offenstehen, und ich zerbreche beinahe an dem Druck, der in meiner Brust entsteht. Das klingt vielleicht etwas krass und es ist kein Gefühl, das immer auftritt. Wenn ich die ganze Woche unterwegs war, unter tausend Menschen und einfach endlich mal zur Ruhe kommen will, dann ist so ein Wochenende doch perfekt, oder? Ein bisschen Sport, eine kleine Wanderung, vielleicht baden, leckere Mahlzeiten zubereiten, lesen, abends auf der gemütlichen Couch mit meiner Plüschdecke und einem Tee einkuscheln, Me-Time, Masken selbst anmixen und auftragen. Sorry, aber ich sehe da kein Problem. Warum fühlt es sich dann wie eines an?
Woran liegt das, dass Entspannung und meine Freizeit zum größten Stressfaktor werden? Es kommt echt selten vor, dass meine Wochenenden so leer sind wie das letzte. Ein Freitag und ein Samstagabend nur für mich. Warum kommt das so selten vor? Weil ich sonst alles daran setze, meine Wochenenden vorher zu verplanen, damit ich keine Zeit verschwende.
Stichwort Fear of Wasting Time. Meine persönliche Definition davon wäre wohl so etwas wie die Angst, seine Zeit nicht ausreichend gut zu nutzen und am Ende des Lebens im Sterbebett an dieses eine Wochenende zurückzudenken, an dem man es gewagt hat, nichts zu tun, anstatt den geilsten Scheiß abzureißen. Vermutlich findet man im Internet andere Definitionen, aber so würde ich es beschreiben.
Wenn meine Bemühungen nicht klappen oder ich mich tatsächlich einfach nicht bemüht habe und dann ungewollt nichts tuend da sitze, dann fühlt sich das wie verdammt verschenkte Zeit an. Zeit, in der ich jetzt auch krass sozial sein könnte. Oder wenn nicht das, dann wenigstens hoch regenerierende, wirklich wohltuende Me-Time mache. Stattdessen sitze ich da und fühle mich leer. Der Leerlauf fühlt sich an wie ein Fehler, ein Misserfolg und etwas, für das ich mich fast schämen müsste. Was soll ich meinen Kollegen am Montag sagen, wenn sie fragen, wie mein Wochenende war?!
Lösung, Lösung, ich will atmen, ich brauche eine Lösung!! So theatralisch bin ich in solchen Momenten. Hoffentlich kann mich wenigstens eine Person nachvollziehen!
Stopp.
Zoom in. Da bist nur du. An einem ganz normalen Tag. Ob es Montag, Freitag oder Sonntag ist: Es ist nur ein Tag. Vielleicht musst du nicht direkt das ganze Wochenende durchdenken oder 50 Jahre bis zu deinem Sterbebett vorspulen und überlegen, ob du irgendetwas bereuen wirst. Vielleicht musst du auch nicht deine gesamte Vergangenheit durchkämmen und die freie Zeit für „produktive“ Reviews nutzen, um dich selbst zu piesacken.
Vielleicht kannst du einfach mal an die nächste halbe Stunde denken und daran, was du jetzt gerne machen würdest. Vielleicht kannst du einfach mal nicht an all die anderen Dinge denken, die du machen könntest, sondern lieber bei dir sein und sehen, fühlen, riechen, schmecken, was du jetzt gerade tust! Vielleicht kannst du auch einfach akzeptieren, dass du gerade so Panik schiebst, weil dir immer und überall suggeriert wird, dass du genau dieses eine, perfekte Leben führen musst. Und vielleicht kannst du dann, wie ich, einfach mit dir selbst lachen.
Das habe ich am letzten Wochenende viel gemacht. Nicht über mich gelacht, sondern mit mir. Über die Absurdität des Lebens, diesen Druck aus dem Nichts und die lächerlich hohe Bewertung und den Optimierungswahn des eigenen Wochenendes.
Und so hatte ich am Ende eine recht schöne Zeit. Ich bin endlich mal wieder Fahrrad gefahren und habe gespürt, wie unglaublich viel mir das zurückgibt. Das hätte ich nicht getan, wenn ich an dem Wochenende wieder mit Freunden auf irgendeinem Marktplatz gestanden hätte und die späte Spätsommersonne nicht dafür genutzt hätte. Ich hatte morgens einen Cappuccino, habe gelesen, ein paar Fußballspiele geschaut, leidenschaftlich laut den Fernseher angeschrien, mir geiles Zeug zum Snacken gebacken und war bei meiner Oma zum Mittagessen. Am Sonntag war ich dann noch in der Trampolinhalle. Beim Springen und Rauslassen meines inneren Kindes von einem Trampolin zum nächsten und bei Wettrennen mit meinem Bruder habe ich alle meine angeblichen Sorgen über Bedeutungslosigkeit einfach mal achtsam weggesprungen.
Ich kann dir nicht sagen, was Schritt 1, 2 und 3 sind, um dieses Gefühl loszuwerden. Ich kann dir nur sagen: Zoom in und fang mit irgendetwas Kleinem an (möglichst ohne Instagram und Storys von Freunden zu gucken). Im Nachhinein war der Tag meistens viel besser, als dein Gehirn dir vorher einreden wollte.


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