„Urlaub vom eigenen Ego“

Über blinden Willen, geteiltes Leid und warum du kein Einzelkämpfer bist.

„Das Leben ist Leid.“ So zumindest sieht es der Philosoph Arthur Schopenhauer. Ich war echt nah dran, in eine Depression abzusrutschen, als ich Sekundärliteratur zu ihm gelesen habe. Aber Good News: Ich stehe noch hier und ich kann noch lachen! 😀

Seinen Punkt, dass der Mensch nur durch seinen blinden Willen geleitet wird und dadurch ständigen Mangel spürt, habe ich verstanden. Wenn ich gutes Essen haben, permanent Netflix schauen und gerade auf Mallorca chillen will, es aber gerade nicht greifbar ist, weil ich im Büro sitze: Ja, dann spüre ich das Gegenteil von Fülle, einen echten Mangel. Dass der Mensch sich selbst als Individuum sieht, sein Ego über alles stellt und gerne gegen andere kämpft, um seinen Willen durchzusetzen: Ja, auch das habe ich schon hautnah miterlebt. Müssen wir aber wirklich jeglichen Willen eliminieren, um Frieden zu finden, Schopenhauer?! Laut ihm ja. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe versucht, meine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen und das mitzunehmen, was mir im Alltag weiterhilft.

„Tat Tvam Asi“, sagt er. „Das bist du“, heißt das übersetzt. Diese Aussage nehme ich für mich mit. Sie hilft uns, in dieser Welt nicht nur das permanente Leid zu sehen, sondern uns weniger allein zu fühlen, wenn wir mal so richtig auf die Fresse fliegen. Nehmen wir uns direkt die Illusion: Das ist die 100prozentige Garantie für jedes Lebewesen, früher oder später ordentlich auf dem rauen Asphalt zu landen. 😀

Ich will nicht wie Schopenhauer behaupten, dass das Leben nur aus Schmerz besteht. Genauso wie es dunkle Momente gibt, werden wir auch Freude, Glück, Zusammenhalt, Zugehörigkeit, Liebe, Freundschaft und Erfüllung spüren. Doch was uns hilft, aus Leid halbes Leid zu machen, indem wir es teilen: Uns selbst als Individualisten für einen kurzen Moment abzulegen und wirklich hinzusehen. Sieh dir die Menschen um dich herum an. Erkenne: Das bist du.

Genau das will Schopenhauer sagen: Wenn du die Illusion ablegst, ein Einzelkämpfer zu sein, und erkennst, dass die Anderen genau dieselbe Last mit sich herumtragen, entsteht Mitleid. Du spürst das Leiden der Anderen in dir. Du siehst dein eigenes Leid im Anderen. Und das ist faszinierend!

Mich beruhigt es zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, deren Wille nach echter Liebe von heute auf morgen in tausend Stücke zerrissen wurde. Ich sehe, dir wurde auch schon das Herz gebrochen. Ich bin nicht allein mit meinem Wunsch nach Anerkennung, wenn mein Chef mich unfair behandelt, meine Leistung ignoriert und sie jemand anderem zuschreibt. Da ist ja noch jemand, genau derjenige, der mich so behandelt. Ich weiß, da draußen sind viele, die ihren Willen nach Zugehörigkeit in Gefahr sehen, wenn sie auf einer Party stehen, lachen, versuchen Spaß zu haben, aber sich tief drinnen einsam fühlen. Ja, ich meine dich.

Für jede Situation können wir uns auf unseren Willen beziehen, der gerade irgendetwas fordert. Ja klar, wir wollen immer irgendetwas, und wenn es einfach nur Ruhe und Alleinsein ist.

Unter all der Negativität und Schopenhauers einzigem Lösungsvorschlag den Willen abzulegen und sich der Kunst und der Musik zu widmen, nehme ich vor allem diese eine Erkenntnis mit: Das bist du.

Übrigens fällt unter Kunst auch das Schauen eines Theaterstückes, indem ein Drama aufgeführt wird (heute wohl eher ein Film, Reality-TV oder der Gossip, den deine Freunde dir erzählen). Dabei wechselst du die Perspektive und tauchst in das Geschehen von anderen ein. Du löst dich etwas von dir selbst und wirst in diesem Moment zum willenlosen, reinen Erkennenden. Du spürst Mitleid und erkennst, dass das Schicksal von dir, das Schicksal von allen ist. Mir fällt gerade selbst erst auf, wie gut wir den pessimistischen Schopenhauer doch sinnvoll für uns nutzen können und die Theorie aufgeht. Sich von sich selbst ab und an zu lösen, ist reiner Urlaub für uns!

Es ist verrückt, aber am Ende können wir den pessimistischen Schopenhauer genau dafür nutzen. Um zu verstehen, dass wir alle im selben Boot sitzen. Vielleicht ist das für euch ja auch tröstlich. Wer weiß.

(Und Achtung: Wer wirklich Schopenhauer lesen will, zwischendurch immer mal wieder ein lustiges Video anschauen! :D)

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